Gesundheitsfolgenabschätzung: Internationale Empfehlungen und Anwendungen

In Europa entwickelte sich GFA vor allem auf Initiative des WHO-Regionalbüros für Europa und in enger Zusammenarbeit mit diesem auch auf Ebene der Europäischen Union.

WHO: Erstellen des „Gothenburg Consensus Papers“ (ECHP 1999) als Diskussionsbasis bei der Entwicklung von GFA,

Weltgesundheitsversammlung (WHA): Sicherstellen von Mechanismen für GFA bis 2020 in der aktuellen „Health 21“-Policy der „Health for All“-Resolution

EU: Entwickeln eines European Policy HIA Guide (EPHIA), Durchführen einer Pilot-GFA zur EU-Beschäftigungsstrategie, Verankern von GFA im Bereich der Gesundheit im zweiten Aktionsprogramm der Gemeinschaft (2008 - 2013)

Einsatz von GFA in EU-Ländern: UK, Irland, Schweden, Finnland, Niederlande, Deutschland, Schweiz, Slowenien, Ungarn

Einsatz von GFA weltweit: Kanada, Australien, Neuseeland, USA, Thailand ...

GFA findet national und regional zunehmend Akzeptanz; laufend werden GFA-Methoden und -Tools weiterentwickelt, adaptiert und professionalisiert. International gesehen wird GFA neben Europa besonders in Nordamerika, Australien, Neuseeland und teilweise in asiatischen Ländern (z. B. Thailand) angewendet (vgl. Gagnon/Michaud 2008).

Datails zu GFA Anwendungen in EU-Ländern und auf internationaler Ebene unter Länderprofile

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Schon 1977 bestätigte die Resolution „Health for All“ (HFA) der Weltgesundheitsversammlung (WHA) formell die Notwendigkeit eines intersektoralen Zugangs zur Entwicklung von Gesundheit.

Die aktuelle europäische „HFA policy“ („Health21“) betont, dass Mitgliedstaaten bis zum Jahr 2020 Mechanismen für GFA eingerichtet haben sollen bzw. dass alle Sektoren in ihren Maßnahmen und Strategien gesundheitliche Auswirkungen mitberücksichtigen sollen (WHO 1999; Update 2005).

In die gleiche Richtung argumentierte schon die Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung (WHO 1986) in ihrer Forderung nach einer „healthy public policy“.

Der Stellenwert von Gesundheit bei Maßnahmen aller Sektoren wurde 1997 im Vertrag von Amsterdam festgehalten (Artikel 152). Die „Council Resolution“ von 1999 fordert das Entwickeln von Verfahren, die Auswirkungen einer politischen Strategie bzw. von deren Umsetzung auf die Ge-sundheit der Bevölkerung und auf das Gesundheitswesen systematisch überprüfen (vgl. Ritsatakis 2006).

Um die einzelnen GFA-Initiativen zu bündeln bzw. zu vereinheitlichen, wurde 1999 von der WHO im European Centre for Health Policy (ECHP) ein GFA-Projekt installiert. ECHP-GFA hatte zum Ziel, das Bewusstsein für GFA in sämtlichen politischen Sektoren zu fördern und ein gemeinsames Verständnis von GFA bzw. gemeinsame GFA-Prinzipien, Implementierungsmöglichkeiten und GFA-Netzwerke zu entwickeln. Das aus diesem Prozess resultierende „Gothenburg Consensus Paper“ (ECHP 1999) war Diskussionsbasis bei der Entwicklung von GFA (vgl. Gagnon/Michaud 2008; Ritsatakis 2006).

Im Jahr 2001 beauftragte das Directorate General for Health and Consumer Affairs (DG Sanco) der Europäischen Kommission eine einheitliche Methodologie für GFA mit Fokus Verwendung im Rahmen der EU policy development. Die daraus entstandene EPHIA-Methodologie wurde an der damals entwickelten Europäischen Beschäftigungsstrategie wie auch an deren nationalen Umsetzungen in den projektbeteiligten Ländern erprobt. Als umfassende Anleitung wurde der EPHIA-Guide „European Policy Health Impact Assessment“ (EPHIA 2004) veröffentlicht (vgl. Abschnitt 2.1). Im Anschluss daran wurde das „Health System Impact Assessment“ entwickelt, das die Auswirkungen auf Organisationen bzw. Gesundheitssysteme und in weiterer Folge auf den Gesundheitsstatus der Bevölkerung systematisch untersucht.

Nach einer Überarbeitung des Impact-Assessment-(IA-)Systems der Europäischen Union sind nun in der EU-Kommission ökonomische, soziale und umweltbezogene Impact Assessments auf zentraler Ebene etabliert (European Commission 2009). Die IA-Richtlinien unterstützen einen integrierten Ansatz. Gesundheitsauswirkungen sollen in der Analyse aller drei Aspekte mitberücksichtigt werden. In der Praxis geschieht dies allerdings nicht überall gleichermaßen: Gesundheitsauswirkungen sind in manchen Assessments zentraler als in anderen.

Das European Observatory on Health Systems and Policies führte in Kooperation mit EU und WHO eine dreijährige Studie zur Effektivität der GFA durch (Wismar et al. 2007a). Das ENHIS-Projekt forciert GFA vor allem in Verbindung mit ökologischen Risiken und entwickelte dafür ein „HIAir tool“, das die gesundheitlichen Auswirkungen von städtischer Luftverschmutzung beurteilen hilft. Auf WHO-Ebene stellt GFA eine relevante Methode dar. Beispielsweise wurde im Healthy-Cities-Netzwerk 2005 ein ausführliches „WHO Health Impact Assessment Toolkit“ inklusive Trainingsanleitungen für städtische GFA-Initiativen erstellt. Auch in anderen zwischenstaatlichen Organisationen wird GFA angewendet. So fordern etwa die 2006 festgelegten Umwelt- und Sozialstandards der International Finance Corporation, einer Unterorganisation der Weltbank, bei großen Projekten die Durchführung eines GFA.

Aktuell findet sich GFA im Arbeitsplan 2009 zur Durchführung des zweiten Aktionsprogramms der Gemeinschaft im Bereich der Gesundheit (2008—2013) wieder . Dort wird der Einsatz von GFA für gesundheitsorientierte politische Entscheidungsfindung auf europäischer, nationaler und regionaler (lokaler) Ebene gefordert (Amtsblatt EU 2009a). Das Arbeitsprogramm der DG Sanco legt 2010 den Schwerpunkt auf das Thema „Health Inequalities“ und sieht vor eine Methodologie zu entwickeln bzw. ein Arbeitsprogramms zu „Health Inequality Impact Assessment“ zu entwickeln (Amtsblatt EU 2009b).